Wien ist keine Berliner Techno-Hochburg, aber das Nachtleben ist dichter, als es auf den ersten Blick wirkt. Die Stadt macht es anders: weniger Exzess, mehr Atmosphäre. Ein Abend kann hier in einer 100 Jahre alten Bar mit perfektem Manhattan beginnen, in einem Beisl bei Schnitzel und Spritzer weitergehen und in einem Club unter einer Donaukanal-Brücke enden. Hier nach Stimmung sortiert.
Die Viertel im Überblick
Bevor es zu den Adressen geht, hilft eine grobe Karte im Kopf. Das Bermudadreieck rund um Rabensteig und Seitenstettengasse beim Schwedenplatz ist die klassische, touristischste Ausgehzone der Inneren Stadt - laut, dicht, für den unkomplizierten Abend. Die Gürtelbögen entlang der U6 zwischen Thaliastraße und Nussdorfer Straße sind das Gegenteil: Musik-Lokale in alten Stadtbahnbögen, Indie, Rock und Elektronik, studentisch und günstig. Der Donaukanal ist im Sommer eine einzige Uferbar, und rund um Neubau und Mariahilf verteilen sich die entspannteren Bars für Gespräche statt Bässe.
Klassische Bars
Loos American Bar (Kärntner Durchgang). Adolf Loos, 1908 eröffnet. Kleiner Mahagoni-Holzraum, perfekte Manhattan, Klassiker. Aufmachen ab 18 Uhr. Voll, aber kurz aufhalten - der Raum fasst nur wenige Dutzend Gäste, und genau das ist der Reiz. Architektur-Fans bekommen hier nebenbei eines der wichtigsten Interieurs der Wiener Moderne.
Kruger’s Cocktail-Bar (Krugerstraße). Dunkel, klassisch, ruhiger als Loos. Gute Cigar-Auswahl, Ledersessel, englische Club-Atmosphäre. Für lange Gespräche besser geeignet als für den schnellen Drink.
Tür 7 (Buchfeldgasse). Klingeln, einlassen, intim, klassische Cocktails im Speakeasy-Stil. Reservieren, sonst stehst du vor verschlossener Tür - der Name ist Programm.
Halle (im MQ) für entspannten Drink mit Innenhof-Ausblick. Im Sommer sitzt halb Wien auf den Möbeln im MuseumsQuartier-Hof, die Halle ist der verlässliche Anker daneben.
Rooftop und Aussicht
Dachboden im 25hours Hotel (Lerchenfelder Straße). Junger Drink-Vibe, Innenhof-Blick auf MQ und Spittelberg. Im Sommer früh kommen, die Terrasse ist schnell voll.
Atmosphere Rooftop Bar im Ritz-Carlton an der Ringstraße: schickes Drinks-Setting mit Stadt-Aussicht, entsprechend gehobene Preise.
Sky Bar im Steigenberger Herrenhof (Herrengasse). Über den Dächern der Innenstadt, klassisch.
Aux Gazelles im Sofitel-Hochhaus am Donaukanal: orientalisches Setting, Lounge, Restaurant.
Beisl (das Wiener Wirtshaus)
Das Beisl ist Wiens Antwort auf die Frage, wo ein Abend anfangen soll. Kein Hipster-Konzept, sondern gewachsene Wirtshauskultur: Schnitzel, Tafelspitz, offener Wein, Kellner mit Schmäh.
Gasthaus Pöschl (Weihburggasse). Beisl-Klassiker, Tafelspitz, Schnitzel, Wein. Bis 23 Uhr, abends reservieren.
Glacis Beisl (Burggasse, am Rand des MQ). Garten im Sommer, Stamm-Adresse - versteckt hinter dem MuseumsQuartier, viele laufen daran vorbei.
Eckel (Sieveringer Straße, 19. Bezirk). Traditions-Beisl, dichter Wirtshaus-Charakter, weit draußen in Döbling, aber gut mit einem Heurigen-Abend kombinierbar.
1516 Brewing Company (Krugerstraße). Eigenes Bier, internationaler Pub, unkompliziert.
Donaukanal-Bars (Sommer)
Strandbar Herrmann (Herrmannpark). Sandfläche, Liegestühle, Drinks. Mai bis Oktober, bei Schönwetter ab dem späten Nachmittag voll.
Tel Aviv Beach weiter östlich am Kanal: Sommer-Strand mit DJ-Sets.
Dazwischen reiht sich am Kanal Lokal an Lokal, vom Container-Ausschank bis zur bemalten Uferstufe mit mitgebrachtem Bier. Der Donaukanal ist Wiens demokratischste Ausgehzone: Es gibt keine Tür und keinen Dresscode, nur Wasser, Graffiti und Abendlicht.
Clubs
Grelle Forelle unter der Brücke am Donaukanal. Techno- und House-Adresse mit ernstzunehmendem Booking. Donnerstag bis Sonntag, Fotografieren drinnen unerwünscht.
Pratersauna. In der Leopoldstadt, in ehemaliger Sauna untergebracht (Name stimmt). Indoor und Garten, breit aufgestellt vom Indie bis House, im Sommer mit Außenbereich.
Werk (Spittelauer Lände). Industrial Techno, weniger Tourist:innen, raueres Publikum.
Flex am Donaukanal: Veteranen-Club, multi-Floor, breit - von Drum and Bass bis Rock-Konzert.
Volksgarten Clubdisco im Volksgarten-Pavillon. Mainstream, oft Open-Air-Veranstaltungen, das eleganteste Setting der Wiener Clublandschaft.
Wer es kleiner mag: In den Gürtelbögen spielen Lokale wie das Chelsea, das rhiz oder das B72 Konzerte und DJ-Sets, direkt unter den Gleisen der U6. Weniger Glamour, mehr Musik.
Beisl und Bar in einem (für unaufgeregte Abende)
Tunnel (Florianigasse, Josefstadt). Live-Musik, Studierende, billig.
Café Anzengruber (Schleifmühlgasse). Beisl-Bar-Hybrid, Buchteln und Spritzer um Mitternacht, Künstler-Stammpublikum.
Café Hawelka (Dorotheergasse): nach Mitternacht warme Buchteln, ab und an Live-Musik. Eines der letzten echten Nacht-Kaffeehäuser der Stadt.
Tipps für die Praxis
- Sperrstunde in Wien ist gesetzlich 2 Uhr, viele Bars haben Verlängerung bis 4 Uhr.
- Clubs typischerweise ab 23 Uhr aktiv, gehen bis 6 Uhr. Vor Mitternacht ist selten viel los.
- Nachtbus N-Linien fahren ab 0:30 vom Schwedenplatz alle Richtungen. Freitag- und Samstagnacht fahren zusätzlich die U-Bahnen durchgehend.
- Taxi: über Uber, Bolt, FreeNow, oder ältere Wiener Funktaxis (40100, 31300).
- Dresscode in Wiener Clubs eher locker. In Loos American Bar oder Tür 7 sollte es ein Hemd sein.
- Preise: Cocktails in den klassischen Bars kosten spürbar mehr als am Donaukanal oder am Gürtel. Ein Abend im Beisl bleibt fast immer die günstigste Variante.
Wo du für Wiens Nächte am besten wohnst
Nachtschwärmer wohnen praktisch in Neubau oder Mariahilf: Bars vor der Tür, Innenstadt und Gürtel in Gehweite. Wer nah an Donaukanal und Clubs sein will, schaut in die Leopoldstadt. Und wer nach dem Barabend nur noch fallen will, nimmt gleich ein Haus mit eigener Bar - einige der Boutique-Hotels in unserer Hotel-Übersicht haben Rooftops oder Lobbys, die selbst als Abend-Ziel taugen.
Häufige Fragen
Wie spät gehen die Wiener aus? Später als du denkst. Bars füllen sich ab 21 Uhr, Clubs erst nach Mitternacht. Wer um 23 Uhr im Club steht, hat die Tanzfläche für sich.
Komme ich nachts ohne Taxi nach Hause? Am Wochenende ja: Freitag- und Samstagnacht fahren die U-Bahnen durch. Unter der Woche übernehmen die Nachtbusse ab Schwedenplatz.
Brauche ich für Clubs Tickets im Voraus? Meist nicht, an der Abendkassa zahlen reicht. Bei bekannten DJ-Bookings in der Grellen Forelle kann Vorverkauf sinnvoll sein.
Wo beginne ich einen Abend, wenn ich Wien nicht kenne? Mit einem Drink im 7. Bezirk rund um Spittelberg, dann zu Fuß Richtung MuseumsQuartier und weiter je nach Laune: Innenstadt für klassische Bars, Donaukanal für draußen, Gürtel für Musik.