Wer Wien zum dritten Mal sieht, hat es leichter, sich nicht mehr auf Stephansdom und Schönbrunn zu konzentrieren. Aber auch beim ersten Besuch lohnt es sich, ein, zwei dieser Orte einzustreuen: Sie zeigen ein Wien, das leiser ist als die Postkarten-Version - Friedhöfe voller Musikgeschichte, Keller unter der Stadt, Gassen aus dem Mittelalter. Diese zehn Orte sind weniger besucht, lohnen aber.
1. Friedhof St. Marx
Im 3. Bezirk (Landstraße), kaum ein Tourist findet hin. Mozart wurde hier 1791 in einem Schachtgrab beerdigt (genaue Lage unbekannt, ein Symbolstein steht heute). Verwilderter Biedermeier-Friedhof, im Frühsommer voll Flieder - dann ist er einer der stimmungsvollsten Orte der Stadt. Der Friedhof wird seit 1874 nicht mehr belegt, deshalb ist hier alles stehengeblieben: schiefe Steine, Efeu, Stille. Anreise mit der Tram 71 oder 18.
2. Zentralfriedhof Tor 2
Wer schon dort ist, geht zu den Ehrengräbern: Beethoven, Brahms, Schubert, Falco, Hans Hass. Die Kirche von Otto Wagner-Schüler Max Hegele und die Aufbahrungshallen sind sehenswert, die Alleen so lang, dass es auf dem Friedhof eine eigene Buslinie gibt. Am Ende liegt Wiens alte jüdische Sektion (Tor 4), schwer beschädigt, schweigsam - ein Ort, der mehr über das 20. Jahrhundert erzählt als manches Museum. Die Tram 71 fährt ab dem Ring direkt hin; der Wiener Ausdruck „mit dem 71er fahren” ist ein Synonym fürs Sterben.
3. Kapuzinergruft
Unter der Kapuzinerkirche am Neuen Markt, mitten in der Inneren Stadt. 12 Habsburger-Kaiser und 19 Kaiserinnen liegen hier in 150 Sarkophagen, von schlichten Blechsärgen bis zum barocken Doppelsarkophag Maria Theresias. Eintritt günstig, die meisten Wien-Reisenden gehen daran vorbei, weil sie es nicht wissen - dabei liegt die Gruft zwei Gehminuten von der Kärntner Straße.
4. Schlumberger-Kellerwelten
Im 19. Bezirk (Döbling), ältester Sektkeller Wiens (1842). Führung mit Verkostung, drei Stockwerke unter der Erde, lange Gänge voller Flaschen. Eine andere Art von Wien-Ausflug - und gut kombinierbar mit einem Heurigenabend, denn die Weinorte Grinzing und Nussdorf liegen im selben Bezirk.
5. Wiener Wäschermädelhaus
In der Schönlaterngasse, ein winziges Haus aus dem 14. Jahrhundert. Wirklich klein, leicht zu übersehen. Die Schönlaterngasse selbst ist eine der schmalsten Innenstadt-Gassen und zusammen mit dem angrenzenden Heiligenkreuzerhof das beste erhaltene Stück Alt-Wien: Kopfsteinpflaster, Basilisken-Sage, kaum Menschen. Fünf Minuten vom Stephansplatz, gefühlt zweihundert Jahre entfernt.
6. Ankeruhr
Hoher Markt, mechanische Uhr von 1914, Jugendstil. Jeden Tag um 12 Uhr zieht eine Parade von zwölf historischen Figuren vorbei, von Marcus Aurelius bis Joseph Haydn. Drei Minuten Show, gratis. Komm fünf Minuten früher, danach verläuft sich die kleine Menschentraube sofort wieder - und der Hohe Markt hat mit dem Vermählungsbrunnen und dem Römermuseum gleich zwei weitere unterschätzte Nachbarn.
7. Otto-Wagner-Pavillon Karlsplatz
Zwei kleine Stadtbahn-Pavillons aus 1898, einer ist heute Café, einer ein Museum für Otto Wagners Arbeit. Jugendstil pur, klein, oft leer - grüne Ornamente, goldene Details, geschwungene Dächer. Die meisten hetzen auf dem Weg zur U-Bahn daran vorbei. Wer sich für Wagners Wien interessiert, hat hier den kompaktesten Einstieg, bevor es zu Postsparkasse oder Kirche am Steinhof weitergeht.
8. Looshaus
Adolf Loos’ Wohn- und Geschäftshaus von 1911, Michaelerplatz. Kaiser Franz Joseph hasste das „Haus ohne Augenbrauen” angeblich so sehr, dass er das Fenster der gegenüberliegenden Hofburg-Wohnung verhängen ließ. Innen ist heute eine Bank, du darfst während der Öffnungszeiten in die Halle: Marmor, Messing, Loos’ ganze Eleganz. Zusammen mit den römischen Ausgrabungen am Platz und dem Michaelertor der Hofburg stehen hier drei Epochen auf zwanzig Metern.
9. Café Anzengruber
In der Schleifmühlgasse (Wieden). Schmales, hohes Beisl mit Stammgästen und Künstlern, leicht düster, ehrlich. Spielt Schallplatten, hat keine Speisekarte für Touristen. Die Schleifmühlgasse drumherum ist mit ihren Galerien und Lokalen der beste Beweis, dass der 4. Bezirk das unterschätzteste Grätzl nahe dem Naschmarkt ist.
10. Stadtwanderweg 1 (Kahlenberg vom Cobenzl)
Klassische Aussicht, aber wer ihn als Wanderung statt als Bus-Anfahrt macht, sieht Weinberge und Wald, fühlt die Stadtgrenze, kommt anders am Kahlenberg an. Plan: 2,5-3 Stunden, gut beschildert, keine Ausrüstung nötig. Einkehr unterwegs bei Heurigen und Buschenschanken - im Herbst zur Lesezeit die vielleicht schönste Halbtagestour der Stadt.
Ein Bonus: Beethoven-Wohnung Pasqualatihaus
Auf der Mölker Bastei, klein, ruhig, vier Räume voller Beethoven-Dokumente, hoch über dem Ring. Sehr wenig Touristen. Mozart-Häuser sind voller, Beethoven-Häuser leerer, ohne Grund.
So baust du die Orte in deine Tage ein
Die meisten dieser Adressen sind keine eigenen Ausflüge, sondern Umwege von zehn Minuten: Ankeruhr, Wäschermädelhaus, Looshaus und Kapuzinergruft liegen alle im 1. Bezirk und lassen sich in jeden Altstadt-Spaziergang einfädeln. St. Marx und Zentralfriedhof verbindest du mit der Tram 71 zu einem halben Tag. Schlumberger plus Heuriger füllt einen Nachmittag in Döbling, der Stadtwanderweg einen Vormittag. Wer die Stadt gezielt von dieser Seite sehen will, wohnt am besten dort, wo die Wege kurz sind - unsere Hotel-Übersicht sortiert nach Bezirken und die historischen Häuser passen thematisch am besten.
Was du sonst nicht im Reiseführer findest
- Im Sommer öffnet die Donauinsel-Strandbar Herrmann abends als Open-Air-Bar mit Liegestühlen.
- Der Pawlatschen-Gang im 1. Hof der Hofburg ist meistens leer, kostet nichts, fühlt sich an wie ein Privat-Innenhof.
- Die Stiege im Augarten 21er Haus mit ihrem Beton-Brutalismus überrascht jeden.
Häufige Fragen
Sind diese Orte auch für den ersten Wien-Besuch geeignet? Ja, als Beimischung. Zwei, drei davon zwischen die Klassiker gestreut, und dein Wien-Bild wird deutlich vollständiger. Nur den Zentralfriedhof solltest du nicht auf Kosten des Stephansdoms besuchen.
Kosten die Orte Eintritt? Die meisten nicht. Gassen, Friedhöfe (außer geführte Touren), Ankeruhr und Looshaus-Halle sind gratis. Kapuzinergruft, Pasqualatihaus, Römermuseum und die Schlumberger-Führung kosten moderat.
Wie komme ich zu den Friedhöfen? Beide mit der Tram 71: St. Marx liegt auf halbem Weg, der Zentralfriedhof am Ende der Strecke. Für die Ehrengräber steigst du bei Tor 2 aus.
Wann ist die beste Zeit für diese Orte? Unter der Woche vormittags sind selbst die bekannteren leer. St. Marx ist zur Fliederblüte Ende Mai am schönsten, der Stadtwanderweg im Herbst, die Keller und die Gruft funktionieren bei jedem Wetter.