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Kaffeehaus

Wiener Kaffeehaus-Klassiker: Sechs Adressen mit Holzparkett und Zeitungsstange

Vom Central bis zum Hawelka: Welche Wiener Kaffeehäuser bis heute funktionieren, ohne Touristenfalle zu sein.

Naschmarkt Wien
Foto: C. Stadler/Bwag, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0
· 6 Min. Lesezeit

Das Wiener Kaffeehaus ist UNESCO-Weltkulturerbe und gleichzeitig Wohnzimmer. Wer einmal eine Stunde am Marmortisch sitzt, Kaffee, Glas Wasser und Zeitung vor sich, versteht warum. Die Institution ist über 300 Jahre alt, und ihr Prinzip hat sich nie geändert: Du kaufst einen Kaffee und mietest damit einen Platz, an dem dich niemand vertreibt. Schriftsteller haben hier ganze Werke geschrieben, Schach-Weltmeister ihre Partien analysiert, und bis heute erledigen Wiener am Kaffeehaustisch ihre Korrespondenz, als wäre das Wohnzimmer nur zufällig öffentlich.

Die Kunst für Besucher: die Häuser finden, in denen diese Kultur noch lebt, statt als Kulisse verkauft zu werden.

Die sechs Adressen, die wir empfehlen

Cafe Central (Herrengasse 14, 1. Bezirk). Imposante Säulen, Trotzki saß hier, Peter Altenberg sitzt als Figur noch immer am Eingang. In der Mittagszeit voll, oft mit Schlange vor der Tür. Vor 11 Uhr hingehen, dann bekommst du den Saal fast für dich. Das Central ist das architektonisch spektakulärste der klassischen Häuser - einmal muss man, trotz Touristenandrang.

Cafe Sperl (Gumpendorfer Straße 11, 6. Bezirk). Billard-Tisch im hinteren Raum, Originalmobiliar, weniger Touristen. Studierende und Stammgäste, dazu Licht, das nachmittags durch die hohen Fenster fällt wie in einem Gemälde. Liegt in Mariahilf, gut kombinierbar mit Naschmarkt und Einkaufsbummel auf der Mariahilfer Straße.

Cafe Hawelka (Dorotheergasse 6, 1. Bezirk). Mehr Kneipe als Salon: dunkel, verraucht wirkende Wände (längst rauchfrei), Plakate von Ausstellungen, die Jahrzehnte zurückliegen. Spät abends am besten. Die Buchteln nach Mitternacht sind Legende - frisch aus dem Ofen, mit Powidl gefüllt.

Cafe Prückel (Stubenring 24, 1. Bezirk). Direkt am MAK. 50er-Jahre-Interieur statt Plüsch, was das Prückel unter den Klassikern einzigartig macht. Super für Sonntags-Frühstück, danach über den Ring spazieren oder ins Museum gegenüber.

Cafe Bräunerhof (Stallburggasse 2, 1. Bezirk). Thomas Bernhard schrieb hier, und das Haus tut bis heute so, als wäre nichts gewesen. Unaufgeregt, leicht grantiges Personal im besten Wiener Sinn, Live-Klavier am Sonntag. Wer das echte, unrestaurierte Kaffeehaus sucht: hier.

Cafe Goldegg (Argentinierstraße 49, 4. Bezirk). Wenig bekannt, Jugendstil-Holzboxen, leise. Ein Lieblings-Geheimtipp, praktisch fürs Belvedere - liegt in Wieden, zehn Gehminuten vom Schloss.

Was bestellst du?

  • Melange: Wiens Cappuccino, mit Milchschaum. Standard.
  • Großer Brauner: doppelter Espresso mit etwas Milch. Für den klaren Kopf.
  • Einspänner: schwarzer Mokka mit Schlagobers im Glas. Etwas opulent, aber einmal muss man.
  • Fiaker: kleiner Mokka mit Rum. Nach dem Mittagessen.
  • Verlängerter: Espresso mit heißem Wasser gestreckt, das Wiener Pendant zum Americano.

Wichtig: “Einen Kaffee, bitte” gibt es nicht. Der Ober will wissen, welchen - und die Karte listet gern fünfzehn Varianten. Zu jedem Kaffee gehört ein Glas Leitungswasser, das ungefragt kommt und nachgefüllt wird. Es ist kein Hinweis, dass du gehen sollst, sondern das Gegenteil: die Einladung, zu bleiben.

Die Mehlspeisen-Frage

Ein Kaffeehaus-Besuch ohne Mehlspeise ist ein halber. Apfelstrudel, Topfenstrudel, Sachertorte, Esterhazy-Schnitte - jedes Haus hat seine Vitrine, viele backen selbst. Im Hawelka sind es die Buchteln, im Sperl lohnt der Blick auf die Tagesauswahl. Faustregel: Eine Melange plus ein Stück Torte kostet zusammen etwa so viel wie ein Mittagsmenü, ersetzt aber keine Mahlzeit - es ist eine eigene Disziplin zwischen den Mahlzeiten, die Wiener “Jause”.

Etikette: so läuft es

Du suchst dir selbst einen Tisch, außer ein Schild sagt anderes. Der Ober (traditionell im Smoking) kommt zu dir, nicht umgekehrt. Bezahlt wird am Tisch beim Ober, aufgerundet - Trinkgeld von grob fünf bis zehn Prozent ist üblich. Zeitungen von der Zeitungsstange darfst du nehmen und liegen lassen, wo du willst. Und niemand, wirklich niemand, drängt dich zum Gehen. Der Wiener Ober ignoriert dich nach dem Servieren mit Absicht: Das ist keine Unfreundlichkeit, sondern die Dienstleistung, in Ruhe gelassen zu werden.

Beste Tageszeit

Vormittags unter der Woche gehören die Häuser den Stammgästen und dir. Mittags und am frühen Nachmittag drücken Touristengruppen in die bekannten Adressen, vor allem ins Central. Der späte Nachmittag ist die klassische Jausen-Zeit, stimmungsvoll, aber voller. Abends leeren sich die meisten - außer das Hawelka, das dann erst anfängt. Wer im Advent kommt: Kaffeehäuser sind die beste Aufwärmstation zwischen den Christkindlmärkten, entsprechend begehrt sind die Fensterplätze.

Fünf der sechs Adressen liegen in oder am Rand der Inneren Stadt, du kannst sie also problemlos in einen Sightseeing-Tag einbauen. Wer das Kaffeehaus-Gefühl auch beim Übernachten will, findet in der Kategorie historischer Hotels Häuser mit derselben Patina.

Ein Wort zur Zeit

Plan eine Stunde ein. Kürzer ergibt keinen Sinn. Das Kaffeehaus ist kein Coffee-to-go, sondern ein Ort, an dem du sitzt. Wlan gibt es überall, aber die Atmosphäre belohnt das Laptop-Zuklappen.

Häufige Fragen

Muss ich im Kaffeehaus reservieren? Normalerweise nein. Ausnahmen: Sonntagvormittag im Prückel und die Stoßzeiten im Central, wo sich Schlangen bilden. Wer flexibel ist, weicht einfach zwei Gassen weiter aus - gute Kaffeehäuser gibt es in Wien in Dichte.

Was ist der Unterschied zwischen Kaffeehaus und Café-Konditorei? Das Kaffeehaus ist zum Sitzen und Zeitunglesen da, die Konditorei (wie Demel) zum Tortenkaufen mit angeschlossenen Tischen. Die Grenzen verschwimmen, aber die Atmosphäre unterscheidet sich deutlich.

Sind die klassischen Kaffeehäuser teuer? Für das, was du bekommst, nicht: Eine Melange kostet 4-5 Euro, dafür sitzt du unbegrenzt. Verglichen mit einem Specialty-Coffee-Shop zahlst du ähnlich viel und bekommst ein möbliertes Stück Kulturgeschichte dazu.

Gibt es vegane oder vegetarische Optionen? Zunehmend ja: Pflanzenmilch ist in den meisten Häusern angekommen, vegetarische Gerichte sowieso. Bei den klassischen Mehlspeisen bleibt die Auswahl für Veganer allerdings schmal.