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Heurigen-Guide: Grinzing, Kahlenberg und der echte Wiener Sommerabend

Welcher Heurige lohnt sich, wann gehst du hin, was bestellst du? Ein Streifzug durch Wiens 19. Bezirk.

Blick vom Kahlenberg
Foto: C. Stadler/Bwag, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0
· 6 Min. Lesezeit

Heuriger heißt: junger Wein vom eigenen Weingut, ausgeschenkt vom Winzer selbst. Erkennbar am Föhrenbusch über der Tür und der „Ausg’steckt”-Tafel an der Straße. Wenn der Busch hängt, ist offen. Das Wort kommt von „heuer”, also „dieses Jahr” - ausgeschenkt wird traditionell der Wein der letzten Ernte. Wien ist die einzige Millionenstadt der Welt mit nennenswertem Weinbau innerhalb der Stadtgrenzen, rund 700 Hektar Rebfläche liegen im Stadtgebiet, die meisten davon an den Hängen des 19. Bezirks. Der Heurige ist deshalb kein Touristenprogramm, sondern gelebter Alltag: Wiener Familien sitzen hier am Sonntagnachmittag genauso wie Studenten am Donnerstagabend.

Was einen echten Heurigen ausmacht

Nicht jedes Lokal mit Weinlaube ist ein Heuriger. Der klassische Buschenschank darf nur eigenen Wein und kalte Speisen verkaufen, so regelt es das Gesetz seit Kaiser Joseph II., der den Winzern 1784 erlaubte, ihren Wein direkt auszuschenken. Daneben gibt es Heurigenrestaurants, die ganzjährig geöffnet haben und auch warme Küche anbieten. Beide haben ihre Berechtigung: Der Buschenschank ist ursprünglicher, das Heurigenrestaurant planbarer. Wer das echte „Ausg’steckt”-Erlebnis sucht, achtet auf den Föhrenbusch und die handgeschriebene Tafel.

Wo gehst du hin

In Grinzing (Endstation Tram 38) wirst du immer fündig, aber drei Adressen lohnen sich besonders:

  • Mayer am Pfarrplatz (Pfarrplatz 2). Beethoven wohnte hier mal, während er an der Neunten arbeitete. Großer Innenhof, klassische Karte, lebhaft. Einer der bekanntesten Betriebe der Stadt, entsprechend gut besucht.
  • Heuriger Sirbu (Kahlenbergstraße 210). Auf halber Höhe zum Kahlenberg. Blick über die Reben bis zur Donau, leise. Mit dem Auto oder per Bus 38A, dann ein kurzes Stück zu Fuß.
  • Reinprecht (Cobenzlgasse 22). Großes Haus in einem ehemaligen Kloster, viel Touristen, aber Live-Musik macht die Stimmung. Wer Schrammelmusik einmal erleben will, ist hier richtig.

Wer auf abseits steht: Stammersdorf (21. Bezirk) ist Heurigen-Wien ohne Touristen. Weniger schick, dafür ehrlicher, mit Kellergassen wie auf dem Land. Auch Nussdorf und Neustift am Walde, beide ebenfalls in Döbling, sind gute Alternativen zu Grinzing: ähnlich hübsch, aber deutlich entspannter. Nach Nussdorf bringt dich die Tram D, nach Neustift der Bus 35A.

Wann

Mai bis Oktober ist Heurigen-Saison. Innen sitzt es sich erst ab Ende Mai gemütlich, der Garten ist das Eigentliche. Donnerstag bis Sonntag ist die sichere Bank. Reservieren musst du nicht, aber unter der Woche sitzt es sich entspannter.

Die beste Tageszeit: später Nachmittag. Du kommst gegen 17 Uhr, bekommst noch einen guten Gartenplatz, siehst die Sonne hinter den Reben verschwinden und bleibst, solange es schön ist. Im September und Oktober kommt die Sturm-Zeit dazu, dann sind auch die Wochenenden voller. Viele Buschenschanken haben nur wochenweise „ausg’steckt” - welche Betriebe gerade offen haben, verraten die Tafeln an den Ortseinfahrten oder ein kurzer Blick auf die Website des jeweiligen Weinguts.

Was bestellst du

  • G’spritzter (Weißwein mit Soda). Standard. Sommerlich.
  • Viertel Grüner Veltliner. Wiens Hauptrebsorte, trocken, knackig.
  • Wiener Gemischter Satz. Die Spezialität der Stadt: verschiedene Rebsorten, gemeinsam gepflanzt, gemeinsam gelesen, gemeinsam gekeltert. Seit 2013 geschützte Herkunftsbezeichnung, unbedingt probieren.
  • Brettljause: Speck, Wurst, Käse, Aufstriche, Brot. Reicht für zwei.
  • Schmalzbrot mit Zwiebel. Klassiker.
  • Sturm im Herbst (September/Oktober): trüber, halb-vergorener Most. Verführerisch süß, hat es in sich.

Beim Buffet-Heurigen holst du dir das Essen selbst an der Theke: Du zeigst, was du willst, bezahlt wird nach Gewicht oder Portion. Die Getränke bringt die Bedienung an den Tisch. Wer zum ersten Mal da ist, schaut einfach kurz zu, wie es die Einheimischen machen.

Was kostet der Abend

Der Heurige gehört zu den günstigeren Wiener Vergnügen. Ein Viertel Wein oder ein G’spritzter kostet deutlich weniger als ein Glas im Innenstadt-Restaurant, eine ordentliche Jause für zwei bleibt überschaubar. Als grobe Orientierung: Für einen Abend mit Wein, Jause und gutem Sitzfleisch bist du pro Person meist mit dem Gegenwert eines mittleren Restaurant-Hauptgangs dabei. Bezahlt wird oft bar, eine Karte funktioniert nicht überall - etwas Bargeld einstecken schadet nicht.

Hin und zurück

Tram 38 vom Schottentor bis Grinzing, etwa 25 Minuten. Letzte Bim gegen 23 Uhr. Nachtbus N38 fährt durch. Taxi ist auch eine Option, mit dem Rad ginge es nur bergab spaßig. Nach Nussdorf fährt die Tram D, zum Kahlenberg der Bus 38A ab Grinzing. Ein normales Wiener-Linien-Ticket deckt alles ab, der 19. Bezirk liegt komplett in der Kernzone.

Wer den Abend verlängern will, kombiniert den Heurigen mit dem Sonnenuntergang am Kahlenberg: erst mit dem 38A hinauf, den Blick über die Stadt mitnehmen, dann auf halber Höhe oder unten in Grinzing einkehren. Übernachten in Heurigen-Nähe geht auch: In Döbling und Umgebung findest du ruhige Hotels abseits des Innenstadt-Trubels, von dort bist du trotzdem in 20 Minuten am Ring.

Kleine Heurigen-Etikette

  • Zusammensitzen ist normal. An langen Tischen rückt man zusammen, ein „Ist hier noch frei?” genügt.
  • Kein Trinkgeld-Stress: Aufrunden wie im Kaffeehaus reicht.
  • Der Wein wird im Viertel oder Achtel bestellt, nicht als „ein Glas Wein”.
  • Mitgebrachtes Essen war früher beim Buschenschank üblich, heute je nach Haus - im Zweifel fragen.
  • Laut ist okay, grölen nicht. Der Heurige ist gesellig, aber kein Bierzelt.

Häufige Fragen

Muss ich reservieren? Bei den großen Häusern in Grinzing am Wochenende: besser ja, vor allem für Gruppen. Unter der Woche oder in Stammersdorf und Neustift findest du fast immer spontan Platz.

Gibt es auch etwas für Leute, die keinen Wein trinken? Ja. Traubensaft, Soda-Zitron und alkoholfreie G’spritzte gehören überall zur Karte. Auch die Jause allein lohnt den Ausflug.

Sind Heurige im Winter geschlossen? Die klassischen Buschenschanken großteils ja, sie stecken nur wochenweise aus. Heurigenrestaurants wie die großen Grinzinger Betriebe haben dagegen fast ganzjährig geöffnet.

Kann ich Wein mitnehmen? Bei den meisten Weingütern ja, ab Hof verkauft. Eine Flasche Gemischter Satz direkt vom Winzer ist ein besseres Souvenir als alles, was du am Stephansplatz findest - mehr dazu in unserem Shopping-Guide.